Leon im Glück – eine Weihnachtsgeschichte für Kinder

Weihnachtsgeschichte für Kinder

Ziellos trottet der kleine Leon durch die festlich geschmückte Fußgängerzone seiner Heimatstadt. Irgendwie scheint ihn das alles nicht zu interessieren, was um ihn herum passiert. Menschen, bepackt mit Einkaufstaschen, drängen sich an ihm vorbei. Jeder hat noch etwas zu erledigen, alle sind hektisch. Hin und wieder bleibt Leon stehen und wirft einen Blick in die Schaufenster der Kaufhäuser und Spielwarengeschäfte. Für ihn ist das alles unerreichbar, und Weihnachten wird wohl auch dieses Jahr wieder ziemlich trostlos werden.

Leon wohnt mit seiner Mutter in einer einfachen Mietwohnung in einem dieser Hochhäuser außerhalb der Stadt. Der Vater hat die Familie verlassen, als Leon noch klein war. Seine Mutter hat nie von ihm gesprochen, aber Leon merkt ihr oft an, dass sie sehr traurig ist. Gerade zu so Anlässen wie Weihnachten. Das wenige Geld, das seine Mutter mit ihren Nebenjobs verdient, bringt die beiden soeben über die Runden. Wie gerne würde sie ihrem Sohn auch einmal einen besonderen Wunsch erfüllen, ihn zu Weihnachten mit einem festlichen Gabentisch überraschen. 

Aber das wird auch in diesem Jahr wieder nur ein Traum bleiben. Wenn heute Abend überall in den Häusern die Kinder Bescherung haben und ihre Geschenke auspacken, wird Leon mit seiner Mutter bei Kerzenschein und ein paar Leckereien sitzen und mit ihr eine Weihnachtsgeschichte für Kinder lesen.

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MountainbikeSo ein Mountainbike, das wäre es!

So ein Mountainbike, das wäre es, denkt sich Leon, als er, wie so oft in den vergangenen Wochen, vor dem Fahrradladen Wörner steht. Davon hat er schon oft gesprochen, gerade wenn im Frühjahr die Kumpels wieder auf ihren Fahrrädern um die Häuser ziehen. Aber seine Mutter sagt immer, das sei nicht drin. 

Irgendwann hat Leon angefangen, dafür zu sparen, aber die paar Euros, die zusammengekommen sind, reichen bei weitem noch nicht aus. Dabei hatte er schon ganz klare Vorstellungen, wie sein Mountainbike aussehen soll, so wie dieses schwarze ganz dahinten, das mit der goldenen Schrift.

Leon trottet weiter. Vorbei an dem Kaufhaus, wo ein Weihnachtmann in der Spielwarenabteilung sitzt und eine Weihnachtsgeschichte für Kinder vorliest. Ob er sich da mal zu setzen soll? Da könnte er sich doch ein wenig die Zeit vertreiben, und schön warm ist es auch dort. Und das Weihnachtsgebäck, dass die freundliche Verkäuferin an die Kinder verteilt, ist auch nicht zu verachten. Aber richtig zuhören kann Leon nicht. Seine Gedanken wandern immer wieder zu diesem Mountainbike, das er einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

„Nicht schlimm, Hauptsache, wir haben uns“ 

Beim Abendbrot erzählt er zum wiederholten Male seiner Mutter von dem Rad. Und zum wiederholten Male versucht seine Mutter ihm beizubringen, dass dafür leider kein Geld übrig sei. Es tut ihr in der Seele weh, dass sie ihrem Kind diese Freude nicht machen kann. Und sie denkt daran, dass das alles kein Problem wäre, wenn der Vater damals bei der kleinen Familie geblieben wäre. „Jetzt hat sie wieder diesen Gesichtsausdruck“, denkt Leon, „wo man ihr genau ansieht, dass sie sehr traurig ist“. Und dann nimmt er sie in den Arm, drückt sie ganz fest und sagt: „Nicht schlimm, Hauptsache, wir haben uns“.

Bis Weihnachten ist Leon noch so manches Mal vor dem Fahrradladen gewesen. „Sein“ Mountainbike steht immer noch da, wo es schon die ganze Weihnachtszeit gestanden hat. Es scheint so, als würde sich außer ihm kein Mensch dafür interessieren. Und wenn er da so vor dem Laden steht und träumt, dann sieht er sich plötzlich auf diesem Fahrrad durch die Gegend fahren. Mit den Kumpels, und alle sind neidisch auf sein neues Rad, wollen unbedingt auch mal eine Runde damit drehen. Ach, wäre das herrlich.

Auch am 24. Dezember  ist Leon noch einmal in der Stadt. Seine Mutter ist zu Hause, will die bescheidene Wohnung ein wenig schmücken und das Weihnachtsessen vorbereiten. Dieses Weihnachtsessen, das in der Regel damit endet, dass seine Mutter ihm eine Weihnachtsgeschichte für Kinder vorliest. Leon ist alt genug, um zu verstehen, dass das Geld für so ein Fahrrad einfach nicht reicht. Aber traurig ist er trotzdem.

Eine Tasche voller Geld

Dieses Mal bleibt er bis zum Geschäftsschluss vor dem Laden stehen. Drinnen herrschte bis eben noch richtig Andrang, da wurde noch so manches Fahrrad verkauft. Nur sein Mountainbike, das hat keinen Käufer gefunden. Zum Glück, denkt er, und beobachtet, wie sich die Verkäufer daran machen, sich auf den Feierabend vorzubereiten. 

Alle haben gute Laune und freuen sich nach dem Stress der letzten Tage auf ein schönes Weihnachtsfest. Ein Mann im mittleren Alter, wohl der Chef, Herr Wörner, geht von Kasse zu Kasse und sammelt dicke Bündel Bargeld in einer braunen Ledertasche ein. Das will er über die Tage lieber zu Hause im Tresor einschließen, bevor er es nach Weihnachten zur Bank bringen kann.

Leon geht weiter, und dieses Mountainbike wird wohl für immer ein Traum bleiben. Plötzlich überholt ihn schnellen Schrittes Herr Wörner, der Besitzer von dem Fahrradladen, geht achtlos an ihm vorbei, überquert die Straße und bleibt hinter einem Auto stehen. Uiuiuiui, denkt Leon, was für ein Schlitten. Der scheint ja gutes Geld mit seinen Fahrrädern zu verdienen.

verträumter Junge

Was er sieht, lässt ihm den Atem stocken

Und was er dann sieht, lässt ihm den Atem stocken. Herr Wörner stellt die Tasche hinter seinem Auto ab, fängt an, in seinen Manteltaschen zu kramen, öffnet die hintere Tür, um etwas ins Auto zu legen, öffnet die Fahrertür, setzt sich rein – und fährt einfach davon! Leon traut seinen Augen nicht – da steht die Tasche mit dem ganzen Geld mutterseelenallein auf dem Parkplatz. Als Leon endlich wieder einen klaren Gedanken fassen kann, geht er rüber, nimmt die Tasche an sich und ist ziemlich durcheinander im Kopf. Jetzt könnte ich mir so viele Fahrräder kaufen wie ich wollte, denkt er im ersten Moment, aber, nein Quatsch, seine Mutter hat ihn immer zu Ehrlichkeit erzogen, so verlockend diese Situation auch ist.

Die nächste Polizeistation ist nur wenige hundert Meter entfernt, und die Beamten staunen nicht schlecht, als plötzlich ein kleiner Junger mit einer Tasche voller Bargeld vor ihnen steht. Ein freundlicher Polizist bietet Leon Kekse und Cola an und fängt an, die üblichen Formalitäten aufzunehmen. In dem Moment, wo sie fast fertig sind, stürmt ein völlig aufgelöster Mann im mittleren Alter in die Polizeiwache – Herr Wörner vom Fahrradladen. 

Er hat ziemlich schnell gemerkt, was er für einen großen Fehler gemacht hatte, war umgedreht und zurück zu seinem Parkplatz gerast. Aber nur, um festzustellen, dass die wertvolle Tasche fort war. Ihm ist völlig egal, dass dort gerade ein kleiner Junge sitzt und mit einem Polizisten spricht. Er muss sein riesengroßes Problem sofort loswerden, schildert das ganze Dilemma und hofft, dass die Beamten sofort eine Großfahndung einleiten.

Wer ist wohl glücklicher?

Die Gelassenheit dieses Polizisten bringt ihn fast auf die Palme, und als der Diensthabende auch noch den kleinen Jungen fragt, ob das wohl der Herr Wörner vom Fahrradladen sei, da ist es um seine Fassung geschehen. Doch bevor er so richtig loswettern kann, bückt sich der Polizist hinter den Tresen, holt eine Tasche hervor und fragt mit breitem Grinsen, ob es sein kann, dass Herr Wörner von dieser Tasche spricht. Da schleicht sich die pure Erleichterung in sein Gesicht, und Leon glaubte zu hören, wie Herrn Wörner ganze Felsbrocken vom Herzen fielen.

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Und dann geht ein Traum in Erfüllung

Jetzt bleibt nur noch zu klären, wer wohl glücklicher war. Der Herr Wörner, darüber, dass seine Tageseinnahmen noch vollständig da waren, oder Leon, der sich als Finderlohn tatsächlich ein Fahrrad aussuchen durfte. Dafür ist Herr Wörner extra noch mal mit ihm zu dem Fahrradladen gegangen, hat noch mal aufgeschlossen und Leon durfte sich als Dank sein Fahrrad, dieses schwarze Mountainbike mit der goldenen Schrift, mit nach Hause nehmen.

Leon hat nie erfahren, wie viel Geld in der Tasche gewesen war, aber gemessen an dem großzügigen Finderlohn muss es schon eine beträchtliche Summe gewesen sein.

Als seine Mutter mit ihm abends die obligatorische Weihnachtsgeschichte für Kinder lesen möchte, hat Leon nur Augen für sein Fahrrad. Und überglücklich sagt er zu seiner Mutter: „Das, was ich heute erlebt habe, ist eine Weihnachtsgeschichte für Kinder und Erwachsene“. Und seine Mutter denkt sich: „Wenn ich ein Buch über sein Leben  schreiben würde, bekäme diese Geschichte ein Kapitel für sich“. Ein Kapitel über Leons schönstes Weihnachtsfest.

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